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30. März 1984: Der Todestag des Theologen Karl Rahner
Irgendwie habe ich immer mehr den Verdacht, dass Josef Ratzinger die anthropologische Wende des II. Vatikanischen Konsils in Frage stellt. Sein Handeln deutet auf eine entsprechende Haltung hin und dies halte ich für eine besorgniserregende Entwicklung. Und weil gerade Ostern ist, muss ich meine Ausführungen heute noch etwas ausführlicher gestalten:
Je mehr Wissen in mir auf Grund sickert, desto größer halte ich die Gefahr, die von einem “Gott des Selbstgespräches” ausgeht. Die nach Innen gewandte Verehrung Gottes steht im eindeutigen Gegensatz zur Intention des Religionsstifters, der ein Gottesbild der Nächstenliebe propagiert hat: “Wenn du Gott suchst, dann findest Du ihn im Nächsten.” Dieses ganz wichtige, humanistische und weltliche Dogma wird gleich nach der Kreuzigung wieder ins Gegenteil gewandelt und damit pervertiert.
Der “Gott des Selbstgespräches” ist ein Gott der Elite, ein Gott der Mönche und Nonnen, der Priester und damit der Macht. Der Gott des Gebets in aller Stille - oder der Meditation - ist ein Gegner der Tat, der Liebe und der Gemeinschaft und damit genau das Gegenteil einer “Imitatio Christi”, nämlich eines Nachahmens der gelebten Vorgabe. Die Gedanken von Karl Rahner und die damit verbundene “anthropologische Wende” versuchen, den Humanismus der christlichen Ethik wieder für Menschlichkeit zu öffnen. Ich bin Protestant … und ein Fan des II. Vatikanischen Konzils. Damit hätte ich gut weiterhin leben können, es wäre zumindest eine Diskussionsbasis gewesen. Rührt dieses Fundament ja nicht an!
Gandhi
Der Existenzialismus ist eine wunderbare Philosophie für ein bewusstes Leben, ich sehne mich nach dieser Freiheit und Ethik, die mir dieses Gedankengut überlässt. Aber es gibt mir keine Antwort auf Schuld. Wie kann ich mit Schuld leben? Hier schließt sich wieder der Kreis zur Religion, die es einem durch Glauben ermöglicht, einen schuldigen Alltag zu bestehen bzw. zu ertragen. Das ist natürlich eine schöne Lüge, aber was hilft mir die lähmende Reinheit?
Eine schöne Antwort kommt von Konfuzius, der auf einer Seite eine Art existenzialistischen Perfektionismus einmahnt, andererseits die menschlichen Fehler im System integriert. Ich mag das, es ist eine schöne Opposition zur katholischen Faulheit (die es den Sündern wohl am einfachsten macht) und strenger als lutheranischer Kompromiss, aber nicht trostlos, wie die schöne Melancholie der französischen Tristesse. “Der Edle bemüht sich, diesem Ideal so nahe wie möglich zu kommen, aber er weiß um die Unerreichbarkeit desselben.”
“In seiner “Dekonstruktion des Christentums” fordert Nancy die Öffnung von Philosophie und Christentum füreinander. Er will indes nicht die Vernunft mit dem Glauben an Gott versöhnen, sondern verfolgt das Ziel einer “gegenseitigen Aufschließung des Erbes der Religion und der Philosophie”. Wesentlicher Ausgangspunkt dieser Denkbewegung ist der “Vernunftglauben” Kants, dessen Pointe gerade nicht in einer Öffnung der Philosophie für die Gläubigkeit bestand, sondern im “Glauben der Vernunft”.”
Spinnen wir weiter: Buddha war (genauso wie Marx) ein genialer Analyst der Systeme. Er hat genau DIESES Problem angesprochen: Solange es den Menschen gibt, wird es Leid geben. Frieden gibt es erst ab dem Zeitpunkt, an dem alle menschlichen Seelen ins Nirvana verschwunden sind. Das ist, gerade für den Zeitpunkt der Analyse (~500 v. Chr.) schon bemerkenswert. Jesus ist hier ausgesprochen naiv (Albert Schweitzer: Mitleid), wenn er Menschen Regeln für das Zusammenleben präsentiert. Aber ich sehe es auch so wie Jean-Paul Satre (“Unsere Existenz liegt in unserer Verantwortung”) und denke, dass “leben” trotzdem! die einzige Alternative ist. Wir haben aber wohl das Wesen unserer Triebe unterschätzt und übersehen, dass es Bedingung der Zivilisation ist, diese zu bändigen. (Interessant dazu eine Studie, die formuliert, dass “Manieren am Tisch”, also das “Bändigen des Futterneids” eine der größten zivilisatorischen Leistungen ist.)
Der freie Lauf der Gefühle führt zu Mord und Totschlag, wenn man wirklich humanistisch agieren will, muss man Grenzen setzen. (Zu einem ähnlichen Ergebnis ist ja auch die Pädagogik inzwischen - wieder - gelangt.) Und ich merke meinen protestantischen Geist wieder wachsen, weil Sätze wie “Leben ist Verantwortung” liegen wieder auf meiner Zunge. (Auf der anderen Seite der Weltkugel würde man es Konfuzius zuschreiben.) Aber es ist schon eine interessante Frage des Prinzips: Wir erkennen ein System, analysieren es richtig und müssen mit dem Ergebnis leben. Wenn wir davon ausgehen, dass das Leben sich selbst seinen Sinn verleiht (weil es das Einzige ist, dass wir wirklich vermuten können), dann kann es nur gut und recht sein, wenn die Menschen dafür sorgen, dass sie untereinander gut auskommen. Das Leben erhalten. (Mit der Schöpfung sind wir ja überfordert.) Ich plädiere daher für ein pragmatisches Verhältnis zu Religion, Politik und Philosophie.
Ich will es mit einem Gedankenspiel enden lassen: Stellen wir uns vor, die ganze Menschheit hätte noch 7 Tage Zeit zu leben. Was wäre sinnvoll? Auszucken kann es nicht sein, sich zu wehren wäre löblich, aber aussichtslos. Wenn wir in Ruhe darüber nachdenken, würden wir wohl versuchen, einfach 7 Tage lang gut zu leben. Einmal noch die Familie sehen, sich bei alten Freunden entschuldigen, vielleicht noch einmal zärtlich sein, Musik hören, gut Essen, die Menschen, die leiden, ein bisschen trösten. Das wäre doch ein schönes Ende. Ein würdiges! Darum sollte es gehen. Sinn? Sinn ist überbewertet.
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Mein Vater - er war recht unschlüssig, was er mit meinem steigenden Interesse an Religion anfangen sollte - sagte: “Ja, er war schon charismatisch.” Ich glaube, Papa und ich haben unterschiedliche Welten von Kirche erlebt und so war sein Versuch, meine Frömmigkeit zu verstehen, sowohl unbeholfen als auch zärtlich. Das war ein gutes Gespräch, damals. Und heute frage ich mich, was wirklich dran ist?
Mein Herz rast. Es rast, wenn ich der katholischen Kirche bei ihrem unaufhaltsamen Niedergang zuschauen muss; es rast, wenn ich die Geschichte der “Deutschen Christen” studiere; es rast, wenn ich mit Menschen konfrontiert bin, die wirklich glauben können, dass es “das Nichts” gibt; es rast, wenn Menschen sich in Sicherheit wähnen und sie in Foren beginnen, Religionen zu bashen und nichts Wissen - weder von der Geschichte, der Philosophie und dem Einfluss den Religionen selbst auf Kommunismus und Existenzialismus gehabt haben; es rast, wenn ich zusehen muss, wie Kirche als Ausrede für Denkfaulheit, Traditionalismus und Engstirnigkeit verwendet wird; es rast, wenn Gott für menschliches Versagen geradestehen muss und als Grund für politische Handlungen angeführt wird; es rast, wenn die Pius-Bruderschaft das Andenken an Christus schändet; es rast, wenn Menschen Jesus dissen. Ich glaube, ich bin in ihn wohl verliebt. Das wäre eine mögliche Erklärung für dieses Wechselbad der Gefühle.