29. Dezember 1908: Der Geburtstag des evangelischen Theologen Helmut Gollwitzer
der spruch auf meinem t-shirt
Jean Baudrillard & Boris Groys
Die Illusion des Endes - Das Ende der Illusion
Teil 2 von 9
Das Recht zu sterben - Der Blick auf den Tod im Okzident und Orient / Fernen Osten - Es gibt keinen Tod, nur mehr ein Auslöschen - Wir sterben nicht mehr, wir verschwinden.
Ich war auf Sigmund Freud so sauer, aber meistens ist es so, dass die Dinge, die ich am meisten hasse, mich deswegen so treffen, weil sie die Wahrheit aussprechen: Gott ist ein Komplex. Ich weiß es, weil es mir gut geht, seitdem ich ihn sterben habe lassen und ich weiß es, weil Menschen die glauben heutzutage nur mehr Blödsinn anrichten. Seitdem bin ich ein glühender Anhänger französischer Denke und Verfechter eines französischen Laizismus-Modells als humanistisches Exportgut für die ganze Welt: Macht die Gotteshäuser dem Erdboden gleich, verbannt die Kreuze aus den Schulen, nehmt die Tücher vom Kopf, rottet Gott aus und schafft endlich Frieden, weil: Hans Küng vertritt die Ansicht, dass es erst Frieden gibt, wenn sich die Religionen untereinander verständigt haben. Ich bin inzwischen anderer Meinung: Frieden gibt es erst, wenn es keine Religionen mehr gibt. Gott ist nicht tot. Gott tötet!
Ich befürchte, dass die große Schwierigkeit der Kommunikation zwischen Ost und West vor allem in dem, scheinbar unüberwindbaren, Unterschied der entsprechenden Denkmodelle liegt. Besonders aufgefallen ist mir dies nun in der unterschiedlichen Auffassung der Beziehung vom Menschen zu der ihn umgebenden Natur. Europas Vorstellung (liegt es am Klima?) hat nicht umsonst in darwinistischer Evolutionslehre geendet: Der Mensch führt einen Kampf gegen die Natur und für das Überleben. Er sieht die Natur nicht als Paradies, sondern als Schauplatz von Verteilungskämpfen, Verdrängungswettbewerben und Härte. Ich denke, dass Religion, Philosophie und Politik sich in Europa auch deswegen so entsprechend entwickelt haben. Es gäbe keinen Sozialismus ohne Christentum, keinen Atheismus ohne Monotheismus, ohne Absolutismus hätte es auch keine Aufklärung gegeben. Alle europäischen Bewegungen und Ideen (Solidarität, Sozialstaatlichkeit, Humanismus, Kapitalismus) basieren auf der vernunftgemäßen Entscheidung, den Menschen gegen die Natur auszuspielen. Europas Potential an Barmherzigkeit basiert auf dem gemeinsamen Feind: Winter, Wind, Wasser, Kälte und Sonne.
Ganz im Gegenteil dazu sieht der Osten die Natur als Beispiel perfekter Harmonie und das Ziel der Menschheit darin, sich dieser Harmonie zu fügen, sich in ihr zu integrieren, sie - die natürliche Perfektion - auch auf die Gesellschaft zu übertragen. Das Individuum bekommt einen ganz anderen Charakter. Dieser Unterschied wirft einen ganz anderen Blick auf die Welt in der wir leben. Man könnte Europa z.B. übertriebene Reaktion vorwerfen, unser Mitleid mit jedem Weh-wehchen als unnötigen Ballast für den Blick auf das Ganze maßregeln. Im Gegenzug dazu liegt der Vorwurf des Westens an den Osten wohl im Erkennen eines gefühlskalten Pragmatismus und einem Unverständnis gegenüber der Hinnahme gegebener Zustände. Eine Idee wie der “Existentialismus” kann nur im Westen entstanden sein, aber auch nur im Osten wird man mit der Menge an Mensch fertig werden - dazu braucht es die Harmonie suchende Gelassenheit. Mir geht es um Transparenz, beide Modelle haben ihre in sich ruhende Wahrheit und keines der Modelle ist dem anderen unter- bzw. überlegen. Toleranz sollte jedoch nicht darin bestehen, ein Modell dem anderen anzugleichen, ich denke, dass ein Dialog der Positionen zu einem dritten, einem alternativen Modell führen könnte. Ein ineinander Aufgehen halte ich für nicht möglich und auch kontraproduktiv.
30. März 1984: Der Todestag des Theologen Karl Rahner
Irgendwie habe ich immer mehr den Verdacht, dass Josef Ratzinger die anthropologische Wende des II. Vatikanischen Konsils in Frage stellt. Sein Handeln deutet auf eine entsprechende Haltung hin und dies halte ich für eine besorgniserregende Entwicklung. Und weil gerade Ostern ist, muss ich meine Ausführungen heute noch etwas ausführlicher gestalten:
Je mehr Wissen in mir auf Grund sickert, desto größer halte ich die Gefahr, die von einem “Gott des Selbstgespräches” ausgeht. Die nach Innen gewandte Verehrung Gottes steht im eindeutigen Gegensatz zur Intention des Religionsstifters, der ein Gottesbild der Nächstenliebe propagiert hat: “Wenn du Gott suchst, dann findest Du ihn im Nächsten.” Dieses ganz wichtige, humanistische und weltliche Dogma wird gleich nach der Kreuzigung wieder ins Gegenteil gewandelt und damit pervertiert.
Der “Gott des Selbstgespräches” ist ein Gott der Elite, ein Gott der Mönche und Nonnen, der Priester und damit der Macht. Der Gott des Gebets in aller Stille - oder der Meditation - ist ein Gegner der Tat, der Liebe und der Gemeinschaft und damit genau das Gegenteil einer “Imitatio Christi”, nämlich eines Nachahmens der gelebten Vorgabe. Die Gedanken von Karl Rahner und die damit verbundene “anthropologische Wende” versuchen, den Humanismus der christlichen Ethik wieder für Menschlichkeit zu öffnen. Ich bin Protestant … und ein Fan des II. Vatikanischen Konzils. Damit hätte ich gut weiterhin leben können, es wäre zumindest eine Diskussionsbasis gewesen. Rührt dieses Fundament ja nicht an!