"Der Weg zu großem Lernen liegt darin, klare Tugend klarzustellen, dem Volke nahezustehen (oder aber: es zu erneuern) und erst beim Höchten Guten stehenzubleiben. Erst wenn man im Wissen [beim Höchsten Guten] stehenbleibt, kann man sich festlegen … Im Altertum ordneten diejenigen, die klare Tugend im Reiche klarstellen wollten, zuerst ihren eigenen Staat, und diejenigen, die ihren Staat regeln wollten, die regelten zuerst ihre Familien. Die ihre Familien ordnen wollten, die pflegten zuerst ihre Person, und diejenigen, die ihre Person pflegen wollten, die stellten zuerst ihr Herz richtig. Wer sein Herz richtig stellen wollte, der machte zuerst sein Sinnen aufrichtig, und wer sein Sinnen aufrichtig machen wollte, der vorvollkommnete zunächst sein Wissen. Die Vervollkommnung des Wissens aber liegt in der vollständigen Untersuchung der Dinge (ko-wu)"
“Das Große Lernen” aus den Aufzeichnungen über die Riten (Ta-hsüeh) von Chu Hsi
"Das, was vom Himmel verliehen ist, heißt Wesensart, und seine Übereinstimmung mit der Wesensart heißt rechter Weg. Diesen rechten Weg zu pflegen heißt Unterweisung. Der rechte Weg darf nicht einen einzigen Augenblick verlassen werden - könnte er verlassen werden, dann wäre er nicht der rechte Weg. Daher achtet der Edle auf das, was er noch nicht sehen kann, und ist bereits furchtsam, bevor er etwas gehört hat. Nichts ist sichtbarer als das Verborgene, und nichts deutlicher als das Geheime. Darum achtet der Edle auf sich, auch wenn er allein ist. Der Zustand, da Freude, Zorn, Trauer und Glück sich noch nicht entfaltet haben, heißt Mitte. Haben sie sich aber entfaltet und kommen in der Mitte überein, dann heißt dies Harmonie. Die Mitte ist die große Wurzel von allem unter dem Himmel, und die Harmonie ist der beste Weg unter dem Himmel."
“Maß und Mitte” aus den Aufzeichnungen zu den Riten (Li-chi) von Chu Hsi
Die Überwindung des Selbst, oder ich gebrauche gerne das Wort “Selbst-gefälligkeit” ist für mich eine ähnlich intellektuelle Herausforderung wie der Atheismus. Es ist wie der Blick hinter die Fassaden einer Western-Stadt dessen wahres Ich zutage tritt: Wüste. Als frommer Mensch denkt man überhaupt nicht daran, sich die Welt ohne Gott überhaupt auch nur vorzustellen. Die nüchterne Einsicht, dass der Mensch auf sich selbst geworfen sein könnte wird einfach ins Metaphysische hineinvergessen. Mit dem Ich ist es ähnlich, an das Naheliegende wird gar nicht gedacht, es wäre einfach zu schmerzhaft.
Dieser Satz bringt zunächst konfuzianisches Staatswesen-Ideal gut auf den Punkt und ist weiters eine interessante Perspektive in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Die Idee, das Wohl der Welt in die Ausbildung und “Weisung” der Multiplikatoren bzw. Mächtigen zu legen, ist ein extrem pragmatischer, aber nicht vorschnell von der Hand zu weisender Schachzug. Die abendländische Variante (Belehrung der Massen via Dekalog) zeigt sich ja nicht als besonders Effizient und die Frage, ob das Wohl der Masse nicht an der Weisheit ihrer Leithammel steht und fällt, ist ein interessanter Denkansatz. Selbst wenn man Macht generell negiert (wie z.B. Anarchisten), verlagert man das Problem vom Makro- in den Mikro-Kosmos, weil auch eine Anarchie funktioniert nur bei weiser Handhabe der Individuen. Also zurück ins antike China und sein Ideal: Auf das Lernen und die Weisung der Mächtigen zu setzen ist nicht Heldenhaft, aber klug.
Brutalität, Hitzigkeit und Fanatismus basieren auf einem Ansatz des Heldentums, dass das Opfer glorifiziert. Wird das Opfer weiterhin so wichtig sein, werden wir uns alle gegenseitig zum Opfer fallen. Eine Mäßigung und vielleicht auch ein Pragmatismus, der im antiken China sein Vorbild sucht, könnte ein Lösungsansatz sein. Einer unter vielen.
Erstens. Wie haben die das gemacht? Unglaublich, wie dünn Christian Bale in dem Film ist, kaum zu glauben, dass er danach Batman gespielt hat. Auf Wikipedia habe ich dann erfahren, dass Christian Bale für den Film tatsächlich fast 30 kg abgenommen hat. Dieser Anfall von Bolemie ist besser als jeder Spezialeffekt; zumindest hat er für die erste Stunde gut ausgereicht. (Immer wieder gespanntes “gathering”). Auch sonst ist die Story ein spannender Plot, nur leider wird im Trailer Lynch zitiert und nicht eingehalten, weil zum Schluss eine Auflösung für all die Rätsel anzubieten, beweist sich als unglaublicher Fehlschlag. Der Film baut ein Mysterium auf, dass sich in Banalität auflöst. Sehr schade.
Genau diese Banalität führt mich aber zu einer interessanten Frage: Gerechtigkeit vs. schlechtes Gewissen. Der Film ist ein Versuch, Gerechtigkeit zu beweisen und veranschaulicht dies durch die Darstellung einer albtraumhaften Schizophrenie. Ich glaube, dass ein Trauma “des schlechten Gewissens” auch tatsächlich zu einer solchen psychischen Störung führen kann, mit zunehmenden Alter wird wohl jeder irgendwann an einen Punkt stoßen, wo so ein Trauma passieren kann. Nur … der Vergleich mit der Gerechtigkeit hinkt.
Gerecht wäre es, wenn es einen “naturrechtlichen” Zwang zur Psychose bei “schlechten” Menschen gäbe. Dann würde die Logik und Aussage des Filmes aufgehen. Es gibt aber so viele Menschen, die grauenhafte Taten begehen und gar kein schlechtes Gewissen haben. Gewissen ist eine Vereinbarung, eine relative Größe, möglicherweise Ergebnis von Erziehung, vielleicht einfach nur ein Konsens zum Überleben, aber es existiert auf keinen Fall per se. Dies ist ein sehr wichtiger Punkt, weil es im gleichen Atemzug auch sehr viele metaphysische Spekulationen aus dem Weg räumt: Wenn das Gewissen nicht per se existiert, dann gibt es auch keine göttliche Barmherzigkeit, geschweige denn Hölle und dies heißt, dass Vergebung so wie Gerechtigkeit eine menschliche Größe sind. Wenn wir göttliche Barmherzigkeit wollen, müssen wir Menschen untereinander barmherzig sein. Für mich persönlich eine sehr wichtige Erkenntnis, eine weitere Lösung im gordischen Komplex des religiösen Ichs und dies wurde erfahren, durch eine kleine Banalität im Skript eines spanischen Thrillers. Was für ein Leben. Lustig.
"Doch wenn zwischen Tapferkeit und Klugheit oder Menschlichkeit zu wählen ist, dann haftet ersterer in chinesischen Werken zumeist ein Element der Roheit an, der blinden Kühnheit, die letztlich nicht gutgeheißen wird. Dies ist wohl einer der markantesten Unterschiede nicht nur der konfuzianischen, sondern der gesamten chinesischen Tradition gegenüber dem europäischen Denken."
“weil es keinen Gott braucht, um Musik zu schaffen” - dieser Satz von heute Vormittag ist *unbewusst* eine Spitze des Eisbergs. Aber interessanter Ansatz: Gott erlöst den Menschen vom “Gott sein müssen”. Der Spagat zwischen Ideal und Realität wird durch einen Gott überbrückt. Er ist in dem Maße perfekt, wie streitbar und fehlbar der Mensch in seinem Alltag ist. Das hehre Ideal des Menschen wird an Gott ausgelagert, um den Alltag erträglich zu machen, es löst - die Georg Schramm so schön sagt - zumindest die intellektuelle Verwirrung etwas auf. Ich glaube, bei der Suche nach Gott geht es viel weniger um die Angst vor den Tod (diese kann auch sehr gut ohne Gott bewältigt werden), als um die Fragen der gegenwärtigen Existenz. Schuld, Verantwortung, Leid, Schmerz.
Es erinnert mich an Mathematik; zumindest an das, was ich mir erklären habe lassen und so ungeheuer faszinierend war: In dieser Wissenschaft gibt es Brücken, die Komplexität vereinfachen bzw. sie überhaupt verständlich und greifbar machen. Stellen wir uns vor, Gott wäre für uns so eine Brücke. V.a.: Existiert eine Brücke dann überhaupt? Dass “Per Anhalter durch die Galaxis” eine Zahl zum Sinn des Lebens und überhaupt erklärt, war wohl gar nicht so blöd.